– Was machst du hier, du Krüppel? Jetzt wohnt hier Tanja! – erklärte mein Mann, als ich aus dem Krankenhaus zurückkam.
LEBENSGESCHICHTEN
Автор Goodblog На чтение 8 мин Просмотров 41 Опубликовано 20.02.2026
Der Schlüssel drehte sich nur schwer im Schloss, als wäre selbst das Schlüsselloch in diesen sechs Monaten zugewachsen, verkrustet, vergessen worden.
Oder vielleicht hatten meine Finger die vertraute Bewegung verlernt — diese von Narben durchzogenen, schief zusammengewachsenen Finger,
die mir nicht mehr gehorchten wie früher. Der Geruch des Treppenhauses schlug mir entgegen: feuchte Wände, Katzenurin und etwas Fremdes, süßlich Aufdringliches — billiger Lufterfrischer, den ich niemals benutzt hätte.
Der Aufzug funktionierte nicht. Also stieg ich die Treppe hinauf in den zweiten Stock, klammerte mich mit der rechten Hand am Geländer fest. Mein linker Arm, eingesperrt in eine schwere Metallschiene,
hing leblos an mir herab. Die Ärzte hatten gesagt, es würde so bleiben. „Dauerhafte Behinderung. Kümmern Sie sich um die Papiere.“ Sie sagten es mit trockener Stimme,
als sprächen sie über das Wetter. Ich habe damals nicht geweint. Ich habe in diesen sechs Monaten kein einziges Mal geweint.
Als wären meine Tränen dort geblieben — im zerquetschten Autowrack, im beißenden Geruch von Benzin und zerrissenem Metall.
Die Tür war mit neuem, grellbraunem Kunstleder bezogen, mit einer glänzenden Zierleiste. Drei Jahre lang hatten Roma und ich darüber gesprochen, sie zu erneuern. Wir hatten es nie geschafft.
Offenbar hatte er es jetzt doch geschafft. Ich steckte den Schlüssel ins Schloss, aber er ließ sich nicht drehen. Von innen steckte ein anderer Schlüssel. Ich musste klingeln.
Die Klingel war neu, eine fremde Melodie perlte schrill durch das Treppenhaus. Mein Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Schritte näherten sich. Leicht, schnell, klickend. Nicht Romas Schritte.
Er trat immer schwer auf, mit der ganzen Sohle, als würde er die Erde unter sich spüren wollen. Das hier waren hohe Absätze, die scharf auf dem Boden klackten.
Die Tür flog auf. Vor mir stand ein fremdes Mädchen in einem kurzen Morgenmantel, mit Lockenwicklern im Haar und einem satt-überheblichen Gesichtsausdruck.
Aus der Wohnung drang der Geruch von Bratkartoffeln, dazu das Murmeln des Fernsehers.
— Wer bist du denn? fragte sie und kaute träge auf ihrem Kaugummi.
Ich antwortete nicht sofort. Mein Blick glitt über ihre Schulter hinweg. An der Garderobe, wo immer meine Jacke gehangen hatte, hing jetzt eine grellrosa Windjacke. Romas Lederjacke war verschwunden.
Auf dem Schuhregal standen rosafarbene, flauschige Hausschuhe an der Stelle, wo meine gestanden hatten.
— Ich wohne hier, sagte ich leise. Meine Stimme war heiser, fremd, als gehörte sie nicht zu mir.
Sie blies eine rosa Blase, ließ sie zerplatzen, sog sie wieder ein und rief in die Wohnung hinein:
— Roooma! Da ist irgendeine von dir!
Roma kam aus der Küche. In Jogginghose und Unterhemd, unrasiert. Häuslich. Er sah mich an — und senkte sofort den Blick. In genau dieser einen Sekunde. Wie ein ertappter Hund.
— Du… Katja, murmelte er. Wir… wir haben dich noch nicht erwartet. Du meintest doch Donnerstag…
— Donnerstag sollte ich kommen, unterbrach ich ihn. Heute ist Dienstag. Ich wurde früher entlassen.
— Die Ärzte haben gesagt, du hättest bleiben sollen, stammelte er und starrte auf den Boden.
— Warum redest du so nett mit ihr? fuhr das Mädchen dazwischen. Was willst du hier, du Krüppel? Ich wohne jetzt hier, verstanden? Und Roma lebt mit mir! Also verschwinde, bevor ich die Polizei rufe!
Ihre Worte spritzten wie Speichel. Ich sah auf ihre dicken, geschminkten Lippen, auf das rosa Kaugummi zwischen ihren Zähnen, und spürte, wie in mir etwas aufstieg.
Kein Schmerz. Nicht einmal Wut. Etwas Kaltes, Schweres, Unerschütterliches.
Roma griff nach ihrem Arm.
— Tanja, nicht so… Katja, bitte, geh. Wir packen deine Sachen zusammen. Ich rufe dich an.
— Du rufst mich an? wiederholte ich leise. Sechs Monate lang hast du kein einziges Mal angerufen. Nicht einmal gefragt, ob ich überhaupt noch lebe.
— Wozu denn anrufen? zischte sie. Du lebst doch. Reicht das nicht? Schau dich an — Arme und Beine noch dran? Oder doch nicht? Sie nickte höhnisch in Richtung meiner Metallschiene. — Steh hier nicht rum und blamier dich.
Mein Blick fiel auf den alten Türrahmen.
Dort waren noch Klebereste von meinem Geburtstag vor zwei Jahren, als wir Luftballons befestigt hatten. Meine Wohnung. Meine Tür. Mein Mann.
Ich machte einen Schritt nach vorn. Das Mädchen wich instinktiv zurück, und ich trat ein. Vorbei an der rosa Jacke, am fremden Parfümgeruch, öffnete ich die Tür zum Schlafzimmer.
Ich erkannte es kaum wieder. Mein Bücherregal stand in einer Ecke, mit Kleidern vollgestopft. An der Wand, wo mein großes gerahmtes Foto gehangen hatte, prangte nun ein billiges Tigerbild.
Meine Nähmaschine stand auf dem Boden, unter das Bett geschoben. Auf meinem Kissen lag ein riesiges rosa Plüschtier.
— Was wühlst du hier rum? kreischte sie hinter mir.
— Roma, sagte ich ruhig. Ich gehe nicht. Die Wohnung gehört mir. Ich habe sie von meinen Eltern geerbt.
Du bist hier nur gemeldet. Und sie — ich sah dem Mädchen direkt in die Augen — ist niemand. Also packt eure Sachen. Jetzt.
Ihr Mund blieb offen stehen. Sie sah Roma an.
— Katja, mach das nicht… Lass uns vernünftig reden. Wir… wir meinen es ernst…
— Ernst? In meiner Wohnung? Während ich im Krankenhaus lag?
Plötzlich stürzte sie sich auf mich, die Fingernägel auf mein Gesicht gerichtet. Ich wich nicht aus. Ich hob meinen linken Arm, ließ das kalte Metall zwischen uns stehen. Sie prallte mit voller Wucht dagegen und schrie auf.
— Sie hat mich angegriffen!
— Fass mich an, sagte ich und sah Roma an, und ich schreibe eine Anzeige. Ich habe Atteste. Du hast nichts.
Zum ersten Mal sah er mich wirklich an. Er sah die Narbe an meiner Schläfe. Die kurz geschnittenen, grau werdenden Haare. Meinen Arm. Meine Augen.
— Du warst nicht so…
— Du hast mich so gemacht.
Ich gab ihnen eine Stunde. Das Mädchen warf meine Bücher auf den Boden, trat gegen die Nähmaschine. Roma packte schweigend. Ich stand in der Tür. Mein Arm pochte unerträglich, aber ich rührte mich nicht.
Nach vierzig Minuten standen sie im Flur, ihr Leben in Plastiktüten gestopft. Sie spie mir ihre Worte entgegen:
— Niemand wird dich so wollen. Du bist kaputt. Ausschussware.
Ich drückte ihr die rosa Jacke in die Hand und öffnete die Tür.
— Ausschuss seid ihr. Ich bin ein Mensch.
Die Tür fiel ins Schloss. Eine dröhnende Stille breitete sich in der Wohnung aus. Nur der Fernseher murmelte noch in der Küche, und der Geruch von Bratkartoffeln hing immer noch in der Luft.
Auf dem Boden lag mein altes Foto. Mühsam bückte ich mich und hob es auf. Das Glas war zerbrochen, aber das Bild war unversehrt. Die alte Version von mir lächelte mich an — mit langen Haaren und einem offenen, glücklichen Blick.
Im Spiegel im Flur sah ich eine fremde Frau. Tiefe Linien um den Mund. Graue Strähnen. Ein lebloser Arm.
— Es ist gut, flüsterte ich. Wir schaffen das.
Ich rief meine Mutter an.
— Ich bin zu Hause. Allein. Er ist weg. Kommst du?
Ich hörte ihre besorgte Stimme, sah die verwüstete Wohnung, meine vernarbten Hände — und plötzlich brach es aus mir heraus. Die ersten Tränen seit sechs Monaten. Heiß, unaufhaltsam.
Ich weinte, und mit jeder Träne wurde meine Brust leichter, weil ich zum ersten Mal in diesen sechs Monaten nicht etwas verloren hatte, sondern etwas zurückgewonnen hatte:
mein Zuhause, meinen Namen, mein Leben — und ich werde niemals wieder zulassen, dass mich jemand aus meinem eigenen Leben vertreibt.